4.4 Herodots Beschreibung der Welt

Das Werk Herodots soll zwar, wie er im Proöm selbst darlegt, vor allem ein "Geschichtswerk" sein, aber es offenbart auch deutlich das geographische und ethnographische Interesse Herodots durch die zahlreichen und detaillierten Exkurse. So gibt es Forscher, die sogar davon ausgehen, daß Herodots Beschäftigung mit "Geschichte" zumindest ursprünglich seinem Interesse an Ethnographie und Geographie untergeordnet war (so Drews 1973, 48). Diese "Entwicklung Herodots vom Geographen zum Historiker" hielt K. Meister aber für unzutreffend; er war vielmehr der Meinung, daß "geographisches und historisches Material von vornherein zusammengehörten" (Meister 1990, 33). Nun ist auch nicht immer klar ersichtlich, welche Quellen Herodot bei seinen ethnographischen und geographischen Beschreibungen benutzt hat, und nicht immer darf davon ausgegangen werden, daß Herodot das von ihm Berichtete mit eigenen Augen gesehen hat 209.

Im Rahmen dieser Untersuchung sind Herodots geographische und ethnographische Kenntnisse von besonderem Interesse, weil deren Qualität auch entscheidenden Einfluß auf eine Beurteilung seiner historischen Ausführungen hat. Herodot unterbricht seine Schilderung geschichtlicher Begebenheiten mehrmalig nur deshalb mit geographischen und ethnographischen Exkursen, weil deren Kenntnis ihm für das Verständnis der jeweiligen Erzählung unentbehrlich zu sein scheint (Cobet 1971, bes. 85; Erbse 1992, 157). Viele der Aussagen des Herodot zu historischen Ereignissen und Entwicklungen basieren allerdings auf seiner ausgeprägten Neigung, kausale Zusammenhänge zwischen zunächst getrennt erscheinenden Ereignissen herzustellen. Die erkenntnistheorethischen Ansätze, auf denen hierbei die Gedankengänge Herodots beruhen, gehen auf die vorsokratische Philosophie und die Sophistik zurück: Aus einer in einem partiellen Bereich gemachten Beobachtung wird eine Erkenntnis gewonnen, die sodann zum allgemeinen Prinzip erhoben und damit auf die Gesamtheit angewendet wird (Müller 1981, 299). Beispielsweise beruht auch seine Beschreibung der Welt teilweise auf derartigen Kombinationen 210. Dabei ist die Geographie der Räume, in denen sich die geschichtlichen Ereignisse abspielten, ebenso Bestandteil dieser herodotischen Folgerungen, wie es auch die beteiligten Völker selbst sind. Diesen von Herodot angegebenen "Rahmenbedingungen" der Erzählungen darf allerdings nicht ohne eine gründliche Überprüfung in jedem Einzelfall Glauben geschenkt werden 211.


209 So gilt zwar als relativ sicher, daß Herodot die "Arimaspea" des Aristeas von Prokonnesos für seine Darstellung der Geographie und Ethnographie Südrußlands benutzt hat (vgl. Hdt. IV 13,2), aber weder gibt er selbst genau an, in welchem Umfang dies geschehen ist, noch läßt es sich eindeutig erschließen.
210 Von dieser Methode, "das Unbekannte aus dem Bekannten" zu erschließen, berichtet Herodot selbst anläßlich seiner Beschreibung der Flüsse Nil und Istros (Hdt. II 33,2).
211 Deutlich kann bei Betrachtung des ägyptischen Logos gezeigt werden, daß auch in den geographischen und ethnographischen Nachrichten des Herodot eigene Kombinationen wiedergegeben werden, die offensichtlich falsch sind. Von Sesostris berichtet Herodot einen Feldzug, der den Pharao bis nach Skythien und Thrakien geführt haben soll (Hdt. II 102-103). Die von Herodot festgestellten Ähnlichkeiten zwischen den Kolchern und Ägyptern (Hdt. II 104-105) sollen dabei als Beweise dafür dienen, daß dieser Feldzug stattgefunden bzw. bis zum Phasis geführt habe.


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